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Ansprache Diplomfeier der HSZ-T Herbst 2007

Ansprache von Dr. Sebastian Brändli, Chef Hochschulamt Zürich

an der Diplomfeier 2007 der Hochschule Zürich für Technik HSZ-T am 8. September 2007

Der Homo faber in der Welt des Wissens

Sehr geehrter Herr Rektor

Sehr geehrte Absolventinnen und Absolventen der HSZ-T

Sehr geehrte Eltern und Familienangehörige

Hätten Sie es gewusst?

Haben Sie gewusst, dass in der Schweiz über 5000 km Eisenbahnschienen verlegt und in Betrieb sind, die gebaut wurden und jetzt unterhalten werden müssen? Und dass es bei den Strassen über 70'000 km sind?

Haben Sie gewusst, dass es in der Schweiz 3,8 Mio. Telefonanschlüsse (Festnetz), und über 6,8 Mio Mobiltelefone in Betrieb gibt?

Haben Sie gewusst, dass die Schweiz über 513 Wasserkraftwerke > 0,3 MW verfügt, welche 99,5% der schweizerischen Wasserkraftproduktion ausmachen und knapp 35'000 Mio. kWh Strom produzieren (56% der schweizerischen Stromproduktion)?

Haben Sie gewusst, dass es in der Schweiz mit der SLS-Synchrotron-Lichtquelle des Paul-Scherrer-Instituts eine global führende Wissenschaftsgrossanlage gibt, an der im Jahr 2005 830 Wissenschaftler insgesamt 677 Experimente auf höchstem wissenschaftlichem Niveau durchgeführt haben?

Hätten Sie es gewusst? Wohl nicht in allen Details. Aber wir wissen alle, dass die Technik unsere Welt und unser Leben durchdringt. Täglich, stündlich, jederzeit. Wir sind beim Verkehr, bei der Kommunikation, bei der Energie, aber auch im Haushalt und im Büro in technische Grosssysteme eingebunden, die wir als einzelne kaum mehr durchschauen, auf die wir Menschen aber jederzeit uns vertrauensvoll abstützen (müssen).

Ja, sehr geehrte Damen und Herren, wir feiern heute die Diplomierung von besonders qualifizierten Berufsleuten aus der Welt des Bau- und Ingenieurwesens. Die Hochschule Zürich für Technik in Zürich (die HSZ-T) hat sich ihren guten Namen in diesem Fachbereich gemacht; diese Hochschule ist bekannt für ihre ausgezeichneten berufsbegleitenden Studiengänge in Architektur, in Bau-, Maschinen- und Elektrotechnik sowie in Informatik. Und ebenso wichtig sind die Weiterbildungen, die früheren Nachdiplom-Studiengänge, die heute MAS – Master of Advanced Studies – heissen. Die HSZ-T ist im Rahmen der Umsetzung des Bologna-Systems ebenso wie bei der Neuordnung der Zürcher Fachhochschule ZFH herausgefordert. Wir vom Kanton, von der ZFH, sind dafür besorgt, dass die Ausrichtung und die Qualität der Leistungen dieser Hochschule auch durch diese Herausforderung hindurch erhalten bleiben.

Zentrale Rolle der Technologie – das Werk Schweiz

Zunächst gilt es – vielleicht weniger in diesem Kreis, als generell einer breiteren Öffentlichkeit – die zentrale Rolle der Technologie und der technischen Entwicklung zugänglich und verständlich zu machen. Dies vor allem auch deshalb, weil die technischen Bedingungen, unter denen wir heute leben, ja nicht einfach gratis sind, sondern auch ihre Kosten verursachen. Stellen Sie sich einmal vor, welche Investitionen nötig sind, um die eingangs erwähnten 5000 km Schienennetz der Schweizer Bahnen zu unterhalten. Oder stellen Sie sich vor, was es für den Unterhalt der 513 Wasserkraftwerke, die uns ja politisch erwünschten sauberen Alpen-Strom liefern, an Wartungs- und Erneuerungsarbeiten braucht. Das Werk Schweiz, die gesamte technische Infrastruktur, muss unterhalten werden. Da kann die Schweiz weltweit eine Führungsrolle einnehmen. Ganz zu schweigen von den fundamentalen Neuerungen, in die wir zurzeit investieren. Allen voran natürlich die Alpentransversalen, die längsten Eisenbahntunnel der Welt, die im Kernbereich des Ingenieurwesens grösste Investitionen auslösen und auch grosse Innovationsschübe bewirken. Schon historisch lässt sich zeigen, dass der seinerzeitige Bau der Alpenpässe und der Alpentunnel für den motorisierten und für den Bahnverkehr grosse wissenschaftliche Entwicklungen auslösten; und auch heute bringen die Herausforderungen der langen Alpentunnel in bergmännischer, bautechnischer und vor allem dann auch in diversen betrieblichen Fragen, vor allem der Sicherheit, ganz neue Fragestellungen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwör

„Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“, wurde vor Jahrzehnten an unseren Familienfesten gewitzelt, nicht zuletzt, weil mein Vater als bekennender Mathematiker und begeisterter Polyaner sich für Machbarkeit und vor allem für die technische Lösbarkeit anstehender Fragen einsetzte. Und – und das lässt uns den Titel des heutigen Referats ein erstes Mal streifen – Max Frisch setzte in jenen Jahren mit dem Roman Homo faber dem Probleme lösenden Ingenieur ein Denkmal, ein durchaus kritisches, das eben auch die Grenzen der ingeniösen Machbarkeit thematisierte. Diese Problematik hat sich seit den Zeiten von Max Frischs Homo faber nicht entschärft; sie scheint mir vielmehr noch deutlich gestiegen zu sein. In der modernen Gesellschaft, könnte man überspitzt sagen, kann nichts ohne Ingenieur gelöst werden; es kann aber auch (fast gar) nichts mehr nur mit reinem Ingenieurwissen gelöst werden. Zu viele technische Lösungen bedingen gleichzeitig auch sozialen Wandel, brauchen intelligente Anwender, die mit Gebrauchsanleitungen allein die technische Lösung nicht anwenden können. Zu häufig greifen technische kluge Lösungen angesichts auftauchender Probleme auch einfach zu kurz.

Was wir deshalb brauchen, ist eine neue Form der Interdisziplinarität, des Austausches unter technischen und nicht-technischen Disziplinen, auch der Erweiterung von technischen Disziplinen um Wissen von Nachbarwissenschaften. Nochmals überspitzt: Weil aus der klassischen Industriegesellschaft eine Dienstleistungsgesellschaft, oder noch neuer: eine Wissens­gesellschaft geworden ist, muss sich auch die Ingenieurswissenschaft wandeln und erweitern.

Eine besondere Erweiterung, die nicht grundsätzlich neu ist, die aber heute bei fast allen Anwendungen thematisiert werden muss, ist die ästhetische Frage, die Frage des Designs. Einzelne technische Anwendungen sind seit je besonders im Brennpunkt des Gefallens. Der Brückenbau etwa. Gerade in der Schweiz, wo wir mit Brückenbaupionieren eine besondere Geschichte haben, die man mit der Appenzeller Familie Grubenmann beginnen lassen könnte, die mit Hans Ulrich (1709-1783) den bekanntesten Pionier des Schweizer Holzbrückenbaus gestellt hat. Und bekanntlich wurde diese Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert weitergeführt mit Robert Maillart (1872–1940) und Othmar H. Ammann (1879–1965), der Letztere als Architekt der grössten amerikanischen Hängebrücken des 20. Jahrhunderts. Und die Tradition geht weiter, indem als aktueller Vertreter der emeritierte ETH-Professor Christian Menn (*1927) weltweit Beachtung findet.

Design als Kommunikation technischer Lösungen

Was bei den Architekten und Brückenbauern seit je im Vordergrund stand und steht – eine auch von aussen attraktive Gestaltung –, rückte bei anderen Ingenieurbereichen erst vor kurzem ins Zentrum des Interesses. War dem Elektroingenieur, etwa den Computerbastlern während und nach dem zweiten Weltkrieg das äussere Erscheinungsbild ihrer Maschinen noch häufig egal, kann sich der Hersteller von Computern seit langem – nicht erst seit dem Erfolg von Mac und Apple – um die Gestaltung, ums Design längst nicht mehr foutieren. Und Design, das muss heute jedem Ingenieur geläufig sein, kommt eben nicht erst am Schluss, sozusagen als Verpackung des Produkts, ins Spiel. Vielmehr wirken Design-Fragen auf die technologischen Fragen, auf Fragen der technischen Lösungen und auf Fragen der Produktion, zurück und nötigen dem klassischen Ingenieur inhaltliche Schnittstellen ab, die vorher unbekannt waren. Design ist Interaktion mit dem künftigen Kunden, nicht erst durch Marketing, sondern eben auch als Gestaltung des Gebrauchs, die ein Produkt von Grund auf mitbestimmen kann, und häufig genug auch tut.

Design ist Kommunikation mit dem Kunden. Nimmt man diesen Gedanken auf und spannt ihn noch weiter, so gehört zur Schnittstelle Design auch die Schnittstelle zum Gebrauch, zum nachhaltigen Konsum, zur Produktesicherheit mit den Haftpflichtfragen, usw. usf. Weil die technischen Lösungen des Ingenieurs fast immer in einer sozialen Welt Anwendung finden, wird die Schnittstelle zur sozialen Welt immer länger. Design deckt einen grossen Teil dieser Beziehung ab, je nach Definition auch die ganze. Doch wichtig ist immer, dass sich technische Lösungen in ihre gesellschaftlichen Anwendungsbereiche einbetten lassen. Dazu gehört auch das Werben um Verständnis. Das Werben um Verständnis für intelligente, sozial bedachte technische Lösungen. Und wer soll um dieses Verständnis werben? Am besten ist es, dies tun Ingenieure und Ingenieurinnen selber. Wenn es auch nicht jedem Absolventen einer technischen Universität oder einer technischen FH gegeben ist: Jeder Berufsstand muss für seine Leistung, die er der Gesellschaft als Ganzes bringt, Werbung betreiben. Das tun die Ärzte genau so wie die Krankenschwestern und -pfleger, die Börsenmakler ebenso wie die Lehrerinnen und Lehrer, die Jägerinnen und Jäger genau so wie die Anwälte. Weshalb nicht auch die Vertreter des Ingenieurwesens? – Natürlich sind überzeugende technische Lösungen selbst die beste Werbung für ein Wissensgebiet und für einen Berufsstand, aber man muss sie auch gut vermarkten!

Sehr geehrte Diplomandinnen und Diplomanden. Sie verlassen heute ihre Hochschule mit dem Diplom in der Hand. Sie sind die authentischen Zeugen des Ingenieurwesens (worunter in diesem Zusammenhang natürlich auch die Architektinnen zu zählen sind). Sie sind beste Werbung! Nehmen Sie Ihre Verantwortung nicht nur bei der Suche nach der besten technischen Lösung wahr, sondern beobachten Sie auch die gesellschaftlichen Entwicklungen als Ganzes, und nehmen Sie Stellung. Ich meine, trotz der bekannten Technikskepsis ist die heutige Welt nicht unsensibel auf technische Fragen. Ein Beispiel: Auch wenn die NEAT in den Zeitungen der vergangenen Monate immer wieder als Finanzproblem auftauchte, so war es doch interessant, wie die Presse bei der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels reagierte. Das Lob für die Ingenieurskunst schien ungebrochen. Neue Mythen wurden gebildet, etwa in der Frage um die staatspolitische Bedeutung von zwei alpenquerenden Tunnels. Le Temps formulierte z.B.: Lötschberg: Le tunnel de tous les Suisses, ou : Le Lötschberg, Saga d’un projet longtemps contesté.

Ich gratuliere Ihnen, sehr geehrte Diplomandinnen und Diplomanden, zum erfolgreichen Abschluss ihres Studiums, und ich wünsche Ihnen – privat und beruflich – weiterhin viel Erfolg!

© Sebastian Brändli, Zürich

   
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