Da ist noch ein anderer Gedanke, der mich beschäftigt hat, seitdem die Smithsons in Aix den Begriff „Schwelle“ aufgebracht hatten. Er wollte mir nicht mehr aus dem Sinn gehen. Ich habe seine Bedeutung ausgewertet, so weit es mir möglich war. Ich bin sogar so weit gegangen, ihn als Zeichen dafür zu sehen, was Architektur eigentlich bedeutet und was sie sein soll. Wo das eingefangen ist, was dazwischen liegt, sind die Gegensätze aufgehoben. Suche den Ort, wo Gegensätze sich begegnen, und du stellst den ursprünglichen Zustand des Doppelphänomens wieder her. In Dubrovnik nannte ich das „La plus grande réalité du seuil“. Martin Buber spricht vom „Gestalt gewordenen Zwischen“. Die kleine Welt eines Hauses zum Beispiel – ich in ihrem Innern, Sie ausserhalb, oder umgekehrt – Im Gegensatz zu der Welt der Strasse, der Stadt, Sie drinnen und ich draussen.
zit. in: Oscar Newman, CIAM 59 in Otterlo, Karl Krämer Verlag Stuttgart 1961, S. 27
Das Forschungsprojekt Portulan setzte sich zum Ziel, die Übergänge zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum in einem Quartier in Havanna (Kuba) zu analysieren und zu bewerten.. Die Umsetzung des Projekts erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Instituto Superior Politécnico José A. Echeverria (CUJAE) in Havanna und mit Unterstützung von Swisscontact (Schweizerische Stiftung für technische Entwicklungszusammenarbeit), welche eine Teilfinanzierung übernahm.
In Havanna scheint die Zeit seit der Revolution von 1959 still zu stehen. Noch immer kreuzen die grossen amerikanischen Autos den Malecón hinauf und –unter. Es gibt keine Shopping-Center, keine S-Bahn und keine Konservendosen mit Katzenfutter. Doch die vermeintliche Idylle täuscht. Hinter der sinnesfrohen Salsa-Fassade zerfällt die Stadt in ihre Bruchstücke. Viele Bewohner/-innen leben in ruinösen Verhältnissen. Fliessendes Wasser gibt es kaum. Die Stromversorgung funktioniert nur stundenweise. Die städtebauliche Infrastruktur stagnierte auf dem Niveau der 50-Jahre. Eine substantielle Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Es fehlt an Baumaterialien, -maschinen, technischem Know-how und vor allem an Kapital. Die Situation ist desolat – gleichzeitig aber auch von einer grosser Faszination. Die „Ruinenstadt“ Havanna erinnert tagtäglich an die prekäre Balance von erhaltener Form und Verfall, von Natur und Geschichte, von Gewalt und Frieden, von Erinnerung und Gegenwart. Havanna ist einzigartig. Und das ist wohl auch der Grund, dass in jüngster Zeit sich immer mehr westliche Forschungs- und Entwicklungsinstitutionen für das „Laboratorium Havanna“ zu interessieren beginnen.
In der Schweiz übernahm das Netzwerk-Projekt SeDUT (Seminario Internacional de Desarrollo Urbano y Transporte) die Koordination der verschiedenen Projekte. (Parallel zum Projekt der HSZ-T arbeiteten auch die ETHZ (Studio Basel), die EPFL, die UZH und die Hochschule Rapperswil an eigenen Projekten auf Kuba). Die Koordination und logistische Unterstützung der verschiedenen Projekte erfolgte durch die Projektleiter von SeDUT, Peter Hotz (Verkehrsingenieur, Metron) und René Lechleiter (Architekt). Auf ihre Initiative hin, kam es im Juni 2005 zu einem ersten Kontakt zwischen dem„Projektteam Kuba HSZ-T“ - Prof. Peter Weber, Prof. Felix Müller, Prof. Hans Geilinger und Prof. Marc Meyer – und Prof. Dr. Ruben Bancroft, welcher für die internationalen Kontakte bei der CUJAE verantwortlich ist.
Vom 18. bis zum 26. November 2005 evaluierte das „Projektteam Kuba HSZ-T“ in Havanna und Umgebung (Cojimar, Alamar, Cotorro) verschiedene Interventionsstandorte. Hauptsächlich aus logistischen Überlegungen - Unterkunft, Transporte, gute Kontakte zum Taller de Transformación Integral (Büro für Quartierentwicklung) - entschied man sich, die Feldforschung im Barrio Cayo Hueso durchzuführen. Die Projektideen und –ziele wurden vor Ort in diversen Arbeitsbesprechungen mit den mitverantwortlichen Professorinnen der CUJAE – Gisela Díaz Quintero und Ana Maria de la Peña Gonzáles – entwickelt und definiert.
Basierend auf diesen Vorarbeiten wurde im Februar 2006 zuhanden von Swisscontact ein Mitfinanzierungsgesuch für das Forschungsprojekt Portulan – ein Stadtwahrnehmungsprojekt in Havanna (Kuba) eingereicht. Die Projektziele wurden wie folgt umschrieben:
Dem Finanzierungsgesuch wurde im Juni 2006 entsprochen. (Der grösste Anteil der Projektkosten wurde im Rahmen des erweiterten Lehrauftrages durch den Studiengang Architektur der HSZ-T übernommen. Zudem beteiligte sich der Berufsverband Archimedes und einige private Gönner an den Kosten des Projekts)
Im Frühling/Sommer 2006 wurden die wissenschaftlichen Grundlagen – Situierung des Forschungsthemas, Formulierung der Leitthesen, Beschreibung der Forschungsmethode – durch Prof. Marc Meyer erarbeitet. Diese Ergebnisse wurden im Rahmen eines Forschungssymposiums am 12./13. September 2006 in Zürich erörtert und diskutiert.
Um die Studierenden mit der Forschungsmethode vertraut zu machen, wurde zudem am 26. Januar 2007 von den beiden Soziologinnen Barbara Emmenegger (Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern) und Priska Gisler (Mitarbeiterin am Collegium Helveticum) ein Workshop zum Thema Grounded Theory durchgeführt.
Die eigentliche Feldforschung erfolgte in der Zeitspanne vom 9. Februar bis zum 3. März 2007. Seitens der HSZ-T nahmen die Student/-innen Sandra Lehmann, Anja Maurer, Urs Hossli, Raul Mera, Andreas Herrsche und Raffael Zwicky sowie die Projektverantwortlichen Peter Weber und Marc Meyer teil; seitens der CUJAE die Student/-innen Ana Lilliam Rodríguez, Danesa Urquiola Reyes, Angel Michel Domínguez, Alejandro Rojas, Alex Fonseca und César Riverón und die Professorinnen Ana Maria de la Peña Gonzáles und Gisela Díaz Quintero.
Die Student/-innen und Verantwortlichen der HSZ-T wohnten während ihres Aufenthaltes direkt vor Ort in privaten Unterkünften. Für die Auswertungsarbeiten, Besprechungen und Präsentationen stellte der Taller de Transformación Integral del Barrio de Cayo Hueso sein Casa Comunitaria Central zur Verfügung.
Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen und den Studierenden der CUJAE funktionierte trotz gewisser sprachlichen Barrieren beispielhaft. Die Begeisterung am gemeinsamen Arbeiten und Forschen war tagtäglich spürbar. Zudem wurde die Projektgruppe von den Verantwortlichen des Casa Comunitaria Central mit viel persönlichem Engagement betreut und unterstützt. Diese ausserordentlich glücklichen Rahmenbedingungen führten dazu, dass die vorgesehenen Arbeiten zum weitaus grössten Teil durchgeführt werden konnten.
Am 1. März 2007 wurden die Forschungsmaterialien im Rahmen eines Abschlussfestes im Casa Comunitaria Central in Cayo Hueso ausgestellt und der Öffentlichkeit präsentiert. Eine Wiederholung der Schlusspräsentation für sämtliche Studierende im Studiengang Architektur der HSZ-T erfolgte am 7. Mai 2007 in Zürich.
Das Forschungsprojekt Portulan – ein Stadtwahrnehmungsprojekt in Havanna (Kuba) wurde am 15. April 2007 mit einem Schlussbericht zuhanden von Swisscontact offiziell abgeschlossen. Die vorgesehenen Projektziele konnten erreicht werden.
Am 4. Oktober 2007 wurden die Forschungsergebnisse durch die Projektteilnehmer/-innen der HSZ-T, Christian Schmid (ETHZ), Peter Hotz (SeDUT) und René Lechleiter (SeDUT) noch einmal ausführlich diskutiert und bewertet.
Basierend auf diesen Erkenntnissen und weiteren Recherchen wurde durch den Projektleiter Prof. Marc Meyer eine Projektdokumentation über das Forschungsprojekt mit dem Titel SI NO SABE NO TE META – die Suche nach dem Zwischen erstellt, welche beim Studiengang Architektur der HSZ-T bezogen werden kann.
Das Forschungsprojekt Portulan – ein Stadtwahrnehmungsprojekt in Havanna (Kuba) war in verschiedenen Bereichen erfolgreich:
Der Austausch mit dem Instituto Superior Politécnico José A. Echeverria kann glücklicherweise auch in Zukunft fortgesetzt werden. Dank der finanziellen Unterstützung durch die Kommission des CASS für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) werden zwei Studenten der CUJAE das Frühlingssemester 08 im Studiengang Architektur der HSZ-T absolvieren.
Autor: Marc
Meyer, Prof., Dipl. Arch. FH SWB
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N.Ari
| Letzte Änderung:
17.08.2009
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